
Ende Dezember 2026 führte uns unsere Reise erneut in die Frontregion der Ukraine. Während vielerorts das Jahr ruhig ausklang, begegneten wir dort einem Alltag, in dem die Menschen weiterhin mit Unsicherheit, Beschuss und enormer Belastung leben.
Unser besonderer Dank gilt der Stadt Brühl, die als Solidaritätspartnerstadt von Marhanez diese Reise mitgetragen und möglich gemacht hat. Diese verlässliche Kooperation ist weit mehr als ein formaler Beschluss – sie ist gelebte Verantwortung und ein starkes Zeichen der Verbundenheit über Grenzen hinweg.
Die Feuerwehr der Stadt Brühl hat in kurzer Zeit dringend benötigte Sachspenden zusammengestellt: Hydraulikaggregate, Transportliegen für Verletzte, Löschschläuche sowie Schutz- und Einsatzkleidung. Mit großem persönlichem Einsatz wurden die Materialien gesammelt, geprüft, sortiert und von Feuerwehrmännern tatkräftig in unseren Sprinter eingeladen – bereit für den Transport in die Frontregion zur Stadt Marhanez.
Reise nach Kyiv
Am 25. Dezember 2025 machten wir uns auf den Weg in die Ukraine. Während in vielen Teilen Europas Weihnachten gefeiert wurde, erreichten wir am Abend des 26. Dezember Kyiv – eine Stadt im Ausnahmezustand. Stromausfälle bei Minusgraden, angespannte Gesichter, beinahe täglicher Drohnenbeschuss: Der Krieg kennt keine Feiertage.
Schon am nächsten Tag besuchten wir Bojarka, nahe Kyiv. Dort hatten wir vor zwei Jahren eine mobile Energiestation übergeben. Heute versorgt sie einen eingerichteten Wärmepunkt im Keller der Gemeinderäumlichkeiten. Für viele Menschen ist dieser Ort weit mehr als ein technischer Notfallraum.
Gerade in Zeiten massiver Stromausfälle und bitterer Kälte ist die gespendete Energiestation eine entscheidende Unterstützung. Sie sichert Licht, Wärme und die Möglichkeit, Wasser zu erhitzen oder Mahlzeiten zuzubereiten – selbst dann, wenn das öffentliche Netz zusammenbricht. Für den Betrieb des Wärmepunkts ist diese unabhängige Energiequelle unverzichtbar.
Wenn der Strom ausfällt und Wohnungen auskühlen, kommen Menschen hierher. Sie wärmen sich auf, trinken heißen Tee, erhalten eine warme Mahlzeit oder Kleidung aus der Kleiderkammer. Gerade Binnenflüchtlinge sind auf diese Unterstützung angewiesen. Inmitten von Unsicherheit entsteht hier etwas, das selten geworden ist: Verlässlichkeit. Und manchmal sogar ein Moment von Normalität.
Begegnungen in Marhanez
Drei Tage später erreichten wir Marhanez. Bereits die Einfahrt in die Stadt hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Entlang der Allee Herojav – der „Allee der Helden“ – stehen Fahnen für jeden gefallenen Soldaten. Viele Fahnen fehlen noch.
Die Stadt liegt nur wenige Kilometer von den russischen Linien entfernt. Der Fluss Dnipro verhindert zwar ein unmittelbares Vorrücken, doch Artillerie- und Drohnenangriffe gehören hier zum Alltag. Beschädigte Fassaden, zersplitterte Fenster, sichtbare Einschläge an öffentlichen Gebäuden – selbst die Stadtverwaltung trägt deutliche Spuren des Beschusses. Und dennoch arbeiten die Verantwortlichen weiter, organisieren Hilfe, sichern Versorgung, halten Strukturen aufrecht.
Im Mittelpunkt unseres Aufenthalts stand die Übergabe dringend benötigter Ausrüstung an die örtliche Feuerwehr – Ausrüstung, die in bemerkenswert kurzer Zeit von der Feuerwehr Brühl zusammengetragen wurde.
Brühl ist seit November 2024 offizielle Solidaritätsstadt von Marhanez. Diese Verbindung ist kein symbolischer Akt auf dem Papier, sondern wird mit Leben gefüllt. Hinter der Unterstützung stehen konkrete Menschen: Feuerwehrleute, Verantwortliche, Ehrenamtliche, die mitgedacht, organisiert, gesammelt, geprüft und sorgfältig verpackt haben.
Innerhalb kurzer Zeit wurden unter anderem Hydraulikaggregate, Transportliegen für Verletzte, Löschschläuche sowie Schutz- und Einsatzkleidung bereitgestellt. Was hier selbstverständlich wirkt, ist in Marhanez im Ernstfall lebensentscheidend.
Gerade für die Feuerwehr hat diese Partnerschaft eine besondere Bedeutung. Feuerwehrleute verstehen die Gefahren des Einsatzalltags – und wissen, was es heißt, unter extremen Bedingungen zu arbeiten. Wenn Unterstützung aus einer anderen Feuerwehr kommt, ist das mehr als materielle Hilfe. Es ist ein Zeichen professioneller Verbundenheit, ein Ausdruck von Respekt und kollegialer Solidarität über Ländergrenzen hinweg.
In den Gesprächen vor Ort wurde deutlich, wie sehr diese konkrete, verlässliche Unterstützung geschätzt wird. Nicht nur, weil Ausrüstung fehlt – sondern weil sie zeigt: Diese Städte stehen füreinander ein. Solidarität wird hier praktisch.
Denn die Arbeit der Feuerwehr hat sich grundlegend verändert. Neben Bränden und Unfällen gehören heute Evakuierungen aus zerstörten Häusern, Rettungseinsätze unter Beschuss und Einsätze in akuter Lebensgefahr zum Alltag. Schutzwesten sind selbst bei Rettungsfahrten Pflicht. Pausen sind selten. Die körperliche Erschöpfung ist spürbar, die seelische Belastung kaum in Worte zu fassen.
Was uns besonders bewegte, war nicht nur die Dankbarkeit für die Ausrüstung, sondern die wiederholte Betonung, wie wichtig die Beziehung dahinter ist. Zu wissen, dass Menschen außerhalb der Ukraine an sie denken, stärkt die Einsatzkräfte. Es ist dieses Gefühl, nicht vergessen zu sein, das in schweren Zeiten trägt.
Unterstützung für Familien der Gefallenen
Eine weitere Begegnung auf unserer Reise war der Austausch mit dem Verein „Familien von gefallenen Helden“. Dort begegneten wir Müttern, die ihre Söhne verloren haben. Frauen, deren Alltag seitdem von Trauer, organisatorischen Herausforderungen und existenzieller Erschöpfung geprägt ist.
Der Verein begleitet Beerdigungen, hilft bei Anträgen, bleibt langfristig an der Seite der Familien. Gleichzeitig organisiert er praktische Unterstützung für verwundete Soldaten. Bei der medizinischen Erstversorgung wird Kleidung oft zerschnitten – danach fehlen selbst grundlegende Dinge wie Unterwäsche, Socken, warme Decken oder einfache Jogginganzüge. Auch während kurzer Rotationsphasen fern der Front werden zivile Kleidung und Hygieneartikel benötigt. Es geht nicht um militärische Ausrüstung, sondern um Würde in Momenten größter Verletzlichkeit.
Hinter jedem Unterstützungsprojekt stehen konkrete Menschen, Gesichter und Lebensgeschichten. Das Witwenprojekt der Freien Kirchengemeinde in Warendorf begleitet seit einiger Zeit Frauen in Marhanez, die ihre Männer im Krieg verloren haben. Während unseres Aufenthalts durften wir bei einem Treffen dabei sein und einige der Witwen und ihre Kinder persönlich kennenlernen.
Für die Begegnung wurde das einzige noch geöffnete Café der Stadt angemietet – ein warmer Raum inmitten einer vom Krieg gezeichneten Umgebung. Dort entstand für einige Stunden ein geschützter Ort des Austauschs, an dem Gespräche möglich wurden und Gemeinschaft spürbar war.
Drei Witwen mit insgesamt sechs Kindern kamen zu dem Treffen. Drei weitere Frauen mussten krankheitsbedingt absagen. Ihr Immunsystem ist geschwächt; viele leiden unter einseitiger Ernährung, Vitaminmangel und den dauerhaften körperlichen Folgen von Stress und Sorge.
Was zunächst wie ein gemeinsames Essen wirkte, wurde schnell zu etwas Tieferem. Gespräche entstanden, vorsichtige Lächeln, ein spürbares Aufatmen. Für einige Stunden konnten Sorgen geteilt werden. Für einige Stunden war da das Gefühl, nicht allein zu sein.
Besonders deutlich wurde die Belastung bei den Kindern. Viele von ihnen haben kaum unbeschwerte soziale Kontakte erlebt – erst die Pandemie, dann der Krieg.
Ein kleiner Junge zog sich während des Treffens immer wieder mit Kopfhörern zurück. Sein Vater ist gefallen. Er sprach kaum, wirkte abwesend, als würde er sich innerlich schützen. Sein Verhalten steht stellvertretend für viele Kinder in dieser Region – Kinder, die lernen mussten, mit Verlust und Angst zu leben, lange bevor sie verstehen konnten, was um sie herum geschieht.
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Auch nach so langer Zeit darf Solidarität nicht leiser werden. Der Krieg dauert an – und mit ihm der Alltag der Menschen, die mit Verlust, Angst und Unsicherheit leben. Gerade jetzt braucht es verlässliche Partnerschaften, die bleiben, zuhören und handeln.
Unser besonderer Dank gilt allen, die kontinuierlich unterstützen, mitdenken, organisieren, spenden und Verantwortung übernehmen. Ihre Verlässlichkeit trägt diese Arbeit – und sie sendet ein klares Zeichen: Solidarität endet nicht nach den ersten Monaten. Sie wächst dort, wo Menschen langfristig füreinander einstehen.















